Nadja Schmidt
Hundetrainerin
Mit Hunden zu arbeiten war für mich nie nur Training.
Es war von Anfang an dieses Zusammenspiel – verstehen, reagieren, gemeinsam Lösungen finden.
Und genau daraus hat sich über die Jahre meine Art zu trainieren entwickelt.

Wie das mit den Hunden angefangen hat
Seit meiner Kindheit gehörten Hunde einfach zu meinem Alltag dazu. Bei uns waren es nie nur ein oder zwei, sondern immer mehrere – ganz unterschiedliche. Mischlinge, verschiedene Rassen, alles durcheinander.
Schon als Kind habe ich angefangen, ihnen Tricks beizubringen. Ich habe mir Sachen ausgedacht, ausprobiert und immer wieder geschaut, was klappt. Wenn ein Hund etwas Neues verstanden hat, war das ein richtig gutes Gefühl – und auch faszinierend, wie schnell sich Dinge entwickeln können, wenn man dranbleibt.
Das hat sich über die Jahre weitergezogen. Immer wieder andere Hunde, immer wieder neue Situationen, und jeder reagiert anders und bringt etwas Eigenes mit.
Und genau dadurch merkt man irgendwann ganz automatisch, dass man nicht mit jedem Hund gleich umgehen kann.
Dass das, was bei dem einen funktioniert, beim nächsten nicht passt.

Und dann kam mein erster eigener Hund
Mit meinem ersten eigenen Hund kam dann eine ganz andere Verantwortung dazu.
Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, was man einem Hund beibringen kann, sondern darum, dass Dinge im Alltag funktionieren müssen. Themen wie Leinenführigkeit oder Begegnungen waren auf einmal nicht mehr nebensächlich.
Ich habe mir Hilfe gesucht und bin bei verschiedenen Trainern gelandet, in der Hoffnung, dort einen klaren Weg zu bekommen.
Dabei habe ich Dinge erlebt, die deutlich zu weit gegangen sind und aus meiner Sicht klar tierschutzrelevant waren.
Es wurde mit Gewalt gearbeitet.
Mir wurde geraten, die Leine so stark wie möglich nach hinten zu reißen, wenn der Hund zieht. Es wurde gezeigt, wie man gezielt in empfindliche Bereiche schlägt, um Verhalten zu unterbinden.
Und ich stand daneben und hätte das so umsetzen sollen. Allein der Gedanke, meinem eigenen Hund – meinem Begleiter, meinem Partner – bewusst Schmerzen zuzufügen, war für mich völlig ausgeschlossen.
Und genau da war für mich der Punkt erreicht, an dem ich wusste:
So werde ich nicht mit einem Hund arbeiten.
Danach habe ich meinen eigenen Weg festgelegt
Nach diesen Erfahrungen war für mich klar: So werde ich nicht arbeiten.
Ich habe mir sehr genau angeschaut, wo ich lerne – und wo nicht.
Für mich kam nur eine Ausbildung infrage, die sich ernsthaft mit Verhalten beschäftigt und nicht über Druck oder Gewalt funktioniert.
Für diese Ausbildung habe ich mich bewusst entschieden und sie erfolgreich abgeschlossen.
Diese Ausbildung hat mir die fachliche Grundlage gegeben, Verhalten wirklich zu verstehen und einordnen zu können.
Und genau damit beginnt die eigentliche Arbeit.
Ich habe Dinge hinterfragt, ausprobiert und auch wieder verworfen, wenn sie nicht gepasst haben.
Nicht, weil sie grundsätzlich falsch waren, sondern weil sie in der jeweiligen Situation nicht stimmig waren.
Mit der Zeit wird klarer, worauf es ankommt:
Situationen sauber einzuordnen und auf dieser Basis Entscheidungen zu treffen, die für den Hund und den Menschen sinnvoll sind.
Genau daraus ist meine eigene Linie entstanden. Darauf baut meine Arbeit heute auf – klar in der Ausrichtung und gleichzeitig so flexibel, dass sie sich an den einzelnen Hund und den Menschen anpassen lässt.
Und genauso klar ist für mich: Gewalt hat im Training nichts verloren.
So arbeite ich
Viele Probleme entstehen nicht, weil ein Hund „schwierig“ ist, sondern weil Verhalten möglichst schnell unterdrückt werden soll. Da wird korrigiert, eingegriffen, gehofft, dass es aufhört – und oft verschiebt sich das Problem nur oder wird an anderer Stelle größer.
Ich schaue mir deshalb genau an, was da wirklich passiert.
Den Hund. Den Menschen. Die Situation. Den Alltag. Die Körpersprache. Und die Abläufe, die oft nebenbei entstehen und genau dort Wirkung zeigen.
Denn es geht nicht darum, Verhalten einfach wegzutrainieren oder irgendwie „in den Griff zu bekommen“.
Entscheidend sind die Fragen:
Warum zeigt der Hund dieses Verhalten überhaupt?
Was steckt dahinter?
Was braucht er in diesem Moment?
Und was braucht der Mensch, um damit sinnvoll umgehen zu können?
Hast du dich schon mal ehrlich gefragt, warum dein Hund so reagiert, wie er reagiert?
Und was genau machst du dann in diesem Moment?
Hand aufs Herz: Wie verändert sich dein Hund durch deine Reaktion?

Erfahrung entsteht im Alltag
Ich lebe mit mehreren Hunden, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Darunter sind auch Hunde aus dem Tierschutz. Und da merkst du sehr schnell, dass nicht alles gleich läuft. Der eine kommt, wenn du rufst. Der nächste überlegt. Und der nächste entscheidet sich im Zweifel einfach dagegen. Weil in dem Moment etwas anderes wichtiger ist. Weil die Umgebung stärker ist. Oder weil er gelernt hat, eigene Entscheidungen zu treffen.
Solche Hunde holen dich ziemlich schnell aus jeder einfachen Vorstellung von Training raus. Da reicht es nicht, ein paar Übungen sauber aufzubauen und davon auszugehen, dass es dann schon läuft. Da musst du einschätzen können, wo der Hund gerade steht, was ihn begrenzt, was ihn überfordert und was in diesem Moment überhaupt drin ist.
Und genau da trennt sich das, was sich auf dem Papier gut liest, von dem, was im Alltag wirklich funktioniert.
Tierschutz
Ich bin Mitgründerin eines Tierschutzvereins und sehe dort Hunde, die mit ganz anderen Voraussetzungen ins Leben gestartet sind. Da geht es nicht um „ein bisschen Training fehlt noch“, sondern um das, was ein Hund mitbringt. Um das, was er erlebt hat – oder eben nie kennenlernen durfte.
Ein Hund, der draußen darum kämpfen musste, überhaupt an Futter zu kommen, reagiert anders als ein Hund, der immer genug Futter hatte.
Eine Hündin, die sich immer wieder gegen aufdringliche Rüden behaupten musste, reagiert anders, als eine Hündin, die solche Situationen nie hatte.
Ein Hund, der wenig gesehen hat, keine Umwelt kennt, keine Orientierung gelernt hat, reagiert anders, als ein Hund, der von klein auf die Umwelt freudig erkunden durfte.
Genetik, Aufwachsen und Lernerfahrungen greifen ineinander – und genau dieses Zusammenspiel formt den Hund. Körperlich und psychisch.
Über Stresslevel, Reizverarbeitung und darüber, wie schnell ein Hund anspringt, wie stark er reagiert und wie gut er sich wieder regulieren kann. Das lässt sich weder einfach auslöschen noch beliebig umformen.
Es gibt Hunde, die gehen fremden Menschen bewusst aus dem Weg.
Hunde, die draußen ständig ihre Umgebung im Blick haben und kaum abschalten können.
Und Hunde, die Entscheidungen selbst treffen, statt sich einfach anzuschließen.
Training kann viel verändern.
Aber es ersetzt keine Genetik.
Und es löscht keine Erfahrungen.
